Von Patanjali

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Die Yoga Sutras des Patanjali

A. DIE DISZIPLIN DES YOGA

 (Sutra 1 - 4)

1. atha yoga-anusasanam.

Nun (folgt) die Disziplin des Yoga.

2. yogas citta-vrtti-nirodhah.

Yoga ist jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen.

3. tada drastuh svarupe vasthanam.

Dann ruht der Sehende in seiner Wesensidentität.

4. vrtti-sarupyam itaratra.

Alle anderen inneren Zustände sind bestimmt durch die Identifizierung mit den seelisch-geistigen Vorgängen.

KOMMENTAR

Diese vier Sutren geben uns den eigentlichen Kern des Yoga. Sie nennen uns die grundlegenden Voraussetzungen der Disziplin, die der Yoga ist - yoganusasanam.

Das Wort anusasanam kommt von der Wurzel sas mit der Vorsilbe anu. Sas bedeutet lehren, unterrichten, und anu „nach“. Der Yoga-Lehre „nachgehen“, heißt, über Yoga zu lernen. Eine gewisse Disziplin, eine aufmerksame Nüchternheit gehören immer zum Lernen. Man kann nichts ohne Aufmerksamkeit lernen. Und Aufmerksamkeit erfordert Ruhe und Freisein von Zerstreuungen. Nur wenn man in einem solchen inneren Zustand ist, wird Lernen möglich. Darin besteht die erste Voraussetzung für die Disziplin des Yoga.

Aber anhaltende Aufmerksamkeit ist nicht leicht zu erreichen....

B. DIE FÜNFFACHEN SEELISCH-GEISTIGEN VORGÄNGE

(Sutren 5-11)

5. vrttayah pancatayyah klista-aklistah.

Es gibt fünferlei seelisch-geistige Vorgänge, (und sie sind entweder) leidvoll oder leidlos.

6. pramana-viparyaya-vikalpa-nidra-smrtayah.

(Und zwar die folgenden) Gültiges Wissen, Irrtum, Vorstellung,  Schlafbewusstsein und Erinnerung.

7. pratyaksa-anumana-agamah pramanani.

Das gültige Wissen besteht aus direkter Wahrnehmung, Schlussfolgerung und Überlieferung (das ist Erkenntnis, die auf der Autorität heiliger Schriften beruht).

8. duhkha-anusayi dvesah.

Hass (dvesa) ist  (jene Spannung), der das Leid folgt.

9. sabda-jnana-anupati vastu-sunyo vikalpah.

Vorstellung (vikalpa) ist eine Erkenntnis, die bloß auf Worten beruht, die bar jeder Wirklichkeit sind.

10. abhava-pratyaya-alambana vrttir nidra.

Der Schlaf ist ein Bewusstseinszustand (vrtti), in dem der Gegenstand der Wahrnehmung abwesend ist.

11. anubhuta-visaya-asampramosah smrtih.

Die Erinnerung ist das Nicht-Abhandenkommen von (früher) erfahrenen (Sinnes-) Gegenständen.

KOMMENTAR

Jeder seelisch-geistige Vorgang oder das Auftauchen jeder Welle in dem stillen Wasser des Bewusstseins ist eine vrtti. Vrtti ist der in Tätigkeit befindliche Geist, die Quelle aller Erfahrung und Erkenntnis. Im Grunde sind vrtti, Erkenntnis und Erfahrung, nur  Schattierungen derselben Sache.....

ÜBER DIE FREIHEIT

Solange das „Gesehene“ die Sicht des Menschen bestimmt, bleibt die „sehende Energie“ schlummernd und inaktiv. Aber in dem Moment, in dem der Mensch erkennt, dass er der „Sehende“ ist, der das „Gesehene“ betrachtet, wird das letztere ein Instrument seiner sich ewig erneuernden schöpferischen Freiheit. Hier endet der Yoga: in der Schaffung eines neuen Bewusstseins, eines neuen Menschen und einer neuen Welt. Der Yoga öffnet so unendliche Möglichkeiten der Seligkeit und des Glückes für die Menschheit durch das Erwecken der geistigen Kraft der Schau, die ewig frei und unendlich schöpferisch ist und erfüllt von Wahrheit, Güte und Schönheit.

Die ersten 11 Sutren wurden hier mit Textauszügen aus dem Kommentar zitiert.

Die Yoga Sutras zeigen einen Weg auf, wie man einen Zustand erreichen kann, der frei von allem Leiden ist.

aus: „Die Wurzeln des Yoga, 1999 O.W. Barth Verlag, Copyright